Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 014/22 - 06.09.2022
Friedensgesellschaft, Friedrich Illian und der Vorabend des Zweiten Weltkriegs

DGB gewährte am Antikriegstag interessante Einblicke in die Stadtgeschichte

Zum Antikriegstag am 1. September lud der Deutsche Gewerkschaftsbund Kreisverband Siegen-Wittgenstein zu einer Lesung in den Atriumsaal der Siegerlandhalle ein. Vorsitzender Ingo Degenhardt sagte: „Die Ukraine braucht und erhält unsere Unterstützung, auch militärisch.“ Er betonte zugleich: „Was wir nicht wollen, ist eine neue Rüstungsspirale!“ Mehr Militärausgaben dürften nicht auf Kosten des sozialen und demokratischen Zusammenhalts gehen. Der Fokus der Lesung in drei Teilen lag auf Entwicklungen in der Region im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs – „um in die Vergangenheit zu schauen und gegebenenfalls Parallelen zum heutigen Krieg ziehen zu können“, sagte Degenhardt.

Traute Fries blickte in die Geschichte der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) und insbesondere der Siegener Ortsgruppe zurück, die der Fabrikant, Katholik und Pazifist Karl Ley 1893 gründete. Ley initiierte auch 1908 in Siegen die Uraufführung von „Die Waffen nieder“ nach dem Roman der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner, die in Österreich den Ursprung der Friedensgesellschaft gelegt hatte. Bis zum Ersten Weltkrieg stark bürgerlich geprägt, gründeten „kämpferische Pazifisten“ um den Zeitschriftenhändler Joseph Balogh die Ortsgruppe Siegen vor 100 Jahren neu. Treibende Kraft war damals Heinrich Otto, der spätere Arbeitsdirektor der Hüttenwerke Geisweid. 1924 bis 1926 besuchten Hunderte die Versammlungen in der Region. Mit der Machtübernahme der Nazis wurde die DFG verboten. Nach dem Krieg engagierte sie sich gegen Wiederbewaffnung, für Wehrdienstverweigerung und in der Anti-Atomkraftbewegung. In den Achtzigern führte das Wettrüsten auch in Siegen zu einer Wiederbelebung der Friedensbewegung, unterstützt durch den DGB. Traute Fries sah Ähnlichkeiten zwischen dem Hitler-Regime und dem Putin-Regime in Propaganda, nationalistischer Hetze, Lügen, Drohungen und Gleichschaltung. „In der Ukraine wird unsere Freiheit verteidigt!“, schloss die Referentin.

Der Siegener Historiker Dieter Pfau las aus seinem Buch „Christenkreuz und Hakenkreuz. Siegen und das Siegerland am Vorabend des ‚Dritten Reiches‘“. Im Siegerland habe die NSDAP aufgrund der hiesigen politischen Kultur frühe Akzeptanz erfahren und von Anfang an überdurchschnittliche Wahlergebnisse bekommen, vor allem in mehrheitlich protestantischen ländlichen Regionen. Pfau sprach von der „christlichen Agitation“, als er über gewalttätige Auseinandersetzungen der Nazis mit Sozialdemokraten und Kommunisten berichtete, angeführt vom Siegener Nazi Paul Giesler, der es am Kriegsende kurzzeitig bis zum Reichsminister des Inneren gebracht hatte. 1932 gab es regelmäßig Propagandamärsche mit bis zu 2000 Leuten, auch in den Dörfern, zunächst in den katholischen, später in den evangelisch geprägten. Etwa 10.000 Menschen besuchten eine Kundgebung im April auf dem Nordplatz. Bei den Wahlen 1932 holte die NSDAP 53 Prozent und es kam zu einer „Eskalation der Gewalt im Siegerland“. Nach der Ermordung Siegfried Betz in Holzhausen im Juli 1932 wendeten sich zunächst viele christlich gesinnte Wähler von der NSDAP ab. Andere waren enttäuscht, weil Hitler noch nicht die Macht übernommen hatte. Die Partei blieb aber stärkste Kraft….

Ortwin Bickhove-Swiderski, DGB-Kreisvorsitzender in Coesfeld und Heimatforscher zur Nazi-Geschichte, stieß bei seinen aufwändigen Recherchen zur NSDAP in Haltern auf Friedrich Illian, der 1931 im Siegerland die NSDAP, die SA und die SS mit aufgebaut hatte. Die SS wuchs schnell stark an. Am 31. Oktober 1932 sprach Adolf Hitler in einem Riesenzelt in Scheuerfeld vor über 30.000 Menschen. Illian war ein „alter Kämpfer“, das heißt, er war früh in die Partei eingetreten, und er machte „Karriere“ bis hin zu zum SS-Hauptsturmführer 1933, war Träger des SS-Totenkopfrings, der höchsten Auszeichnung damals. Illian wurde später überdotierter Stadtbaurat in Haltern und Ortsgruppenleiter der NSDAP. Er wirkte dort aktiv an der Reichskristallnacht am 9. November 1938 mit. Friedrich Illians Name steht auf der Gedenktafel am Mahnmal in Niederschelden neben den Namen der Niederscheldener Gefallenen und Kriegsopfer.  

Außer Applaus und Dank gab es Kritik daran, dass nicht die Ukraine Hauptthema war und auch daran, dass Parallelen zwischen Hitler und Putin gezogen worden seien. Referent Ortwin Bickhove-Swiderski argumentierte: „Man muss die Vergangenheit kennen, um die Zukunft zu gestalten.“

v.l. Ortwin Bickhove-Swiderski, Ingo Degenhardt (DGB-Kreisvorsitzender Siegen-Wittgenstein), Traute Fries, Dieter Pfau und Jürgen Weiskirch (Geschäftsführer ver.di Bezirk Südwestfalen)

v.l. Ortwin Bickhove-Swiderski, Ingo Degenhardt (DGB-Kreisvorsitzender Siegen-Wittgenstein), Traute Fries, Dieter Pfau und Jürgen Weiskirch (Geschäftsführer ver.di Bezirk Südwestfalen) Julia Montanus


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